"satt" Farbfeldzeichnungen

 

 

 

"satt"

Gedankenskizzen zu den Bildern von Birgit Bossert



Aus dem Arbeitstitel wurde ein Arbeitskonzept: im Jahr 2001 begann Birgit Bossert ihre Serie von monochromen Farbfeldzeichnungen. Inspiration und Ausgangspunkt war das „Ab-zeichnen“ von liegengebliebenen Farbstiften, die sie - bereits gebraucht und scheinbar nutzlos - in einem Pappkarton sammelte und aufbewahrte.

Jedes Bild Bosserts wird mit einem einzigen Buntstift angefertigt. Nach ganz bestimmten Regeln beginnt die Künstlerin Strich für Strich das ganze Blatt zu füllen, bis es keine Farbe mehr aufnimmt: kein bildhaftes Abzeichnen, sondern „Ab-zeichnen“ als mechanischer Abrieb, bis das Papier kein Pigment mehr aufnehmen kann, bis es völlig gesättigt ist. Die Bezeichnung des Stiftes wird schließlich zum Titel des Bildes.

Im Mittelpunkt steht die Eigenart des Stiftes, nicht die Handschrift der Künstlerin: „Stifte haben alle einen anderen Charakter“. Im Arbeitsprozess möchte Bossert subjektive Einflüsse weitgehend vermeiden, sieht sie sich vor allem als der Motor - ihr maßgeblicher Anteil liegt im Konzept.

So streng das Konzept einerseits erscheint, so viele Entwicklungsmöglichkeiten lässt es andererseits offen: noch längst sind nicht alle Buntstifte regionaler Hersteller erprobt, geschweige denn die Stifte fremder Länder und Kontinente. Einen möglichen Abschluss ihres seriellen Projektes sieht Bossert nach der Erprobung sämtlicher zur Verfügung stehender Farbstifte - ein fast uferloses Projekt. Andererseits reizt sie die Perspektive eines Lebenskunstwerks: Jede Farbtafel wird einzeln datiert, signiert und mit den Merkmalen eines industriell gefertigten Zeichenmittels mit Farb-nummern und Firmenbezeichnungen sorgfältig katalogisiert. In dieser Hinsicht verfolgt die Autorin einen geradezu wissenschaftlich-systematischen Ansatz.

Wahrnehmung von Farbe, uneingeschränkt von experimentalwissenschaftlichen Eingrenzungen - ein Angebot zum Genuss: sich satt sehen an Farbe! Dieses Eintauchen in die reine Farbe - ohne Ablenkung durch persönliche Handschrift oder Motiv - ist vielleicht das Berückendste an Bosserts Arbeiten: man taucht völlig ein, man „trinkt“ Farbe - und wird satt. Farbe als Nahrung - nicht nur von Malern als ein Lebenselixier empfunden.

Susanne Liebmann-Wurmer, 2003